Nachruf für Frau Dr. Kranig
„Wir alle leben geistig von dem, was uns Menschen in bedeutungsvollen Stunden unseres Lebens gegeben haben.“ (Albert Schweitzer)
Nach einem reich erfüllten Leben verstarb im Alter von 89 Jahren am Sonntag, den 21. August 2011 Dr. med. Hildegard Kranig, geborene Regel, in Würzburg.
Sie kam am 16. Mai 1922 zur Welt und wuchs in Köln auf. Nach dem Medizinstudium in Bonn und der Promotion in München heiratete sie 1944 Bernhard Kranig. Nach dem Krieg arbeitete sie als Ärztin in einem Flüchtlingslager und pflegte 1947 ihren tuberkulosekranken Ehemann. Nachdem er die schwere Erkrankung überwunden, seine Facharztausbildung absolviert und die Oberarztstelle im Maria-Theresia-Heim (Tuberkuloseheilstätte) angetreten hatte, folgte sie ihm mit den beiden Söhnen Bernhard und Andreas von Oberföhring nach Lohr am Main. Dort wurde der dritte Sohn Jan Peter geboren. Im Gesundheitsamt am Ort half sie als Schulärztin aus.
Als Dr. B. Kranig die Leitung der Tuberkulosefürsorge im Gesundheitsamt der Landeshauptstadt München übernahm, zog die Familie nach Gauting.
Dres. B. und H. Kranig gehörten zu den Gründungsmitgliedern des Kuratoriums Tuberkulose in der Welt e. V., das 1978 von Prof. Dr. Herbert Blaha ins Leben gerufen wurde. Als die Filiale des Bolivianischen Roten Kreuzes in Santa Cruz um Hilfe im Kampf gegen die Tuberkulose bat und das Kuratorium entschieden hatte, in dieser Notlage zu helfen, reiste das Ehepaar Kranig im Oktober 1982 nach Bolivien. Unter sehr schwierigen Bedingungen organisierten sie in den Räumlichkeiten des Roten Kreuzes den Aufbau eines Zentrums für die Diagnostik und Therapie Tuberkulosekranker. Sie stellten einheimisches Personal ein, leiteten es an und gewannen Herrn Rudolf Taendler und später Frau Ilona Westermann de Patiño als Repräsentanten des Kuratoriums vor Ort.
Im Januar 1983 wurden die ersten Patienten aus den Armenvierteln der Stadt untersucht und kostenlos mit Medikamenten aus Deutschland behandelt. Bereits 1986 konnte ein zweites, neu gebautes Zentrum dem Bolivianischen Roten Kreuz übergeben werden. Bei der Einweihungsfeier wurde sie mit der goldenen Medaille des Bolivianischen Roten Kreuzes ausgezeichnet und erhielt die Ehrenbürgerschaft der Städte Santa Cruz und Cochabamba.
Am 9. November 1990 empfing Dr. Hildegard Kranig für ihre - wie es in der Laudatio heißt - „zuverlässige und erfolgreiche Arbeit unter ungünstigen Bedingungen“ das Bundesverdienstkreuz aus den Händen des deutschen Honorarkonsuls Hanns Hiller.
Über viele Jahre reisten Dres. B. und H. Kranig nach Santa Cruz, erweiterten die beiden Einrichtungen, organisierten den Nachschub an Medikamenten, werteten die Krankenstatistik aus und entwickelten das Projekt weiter, bis sie es 1993 an Dr. R. Mütterlein und Dr. G. Loytved übergaben.
Auch lange nach der Projektübergabe lag ihr das Schicksal der Tuberkulosekranken sehr am Herzen. Sie verfolgte die Arbeit in Santa Cruz mit Interesse und stand gern mit Rat zur Verfügung.
Dr. Hildegard Kranig ist von uns gegangen. Doch das Tuberkulose-Projekt existiert weiter. Seit 1983 wurden in den Zentren mehr als 82.000 Patienten mit Beschwerden der Atmungsorgane untersucht und 18.000 Tuberkulosekranke behandelt. Diese Kranken sind überaus dankbar. Denn das Projekt gibt ihnen Hoffnung auf Heilung und verhindert Siechtum und Tod an dieser meist schleichend verlaufenden Erkrankung.
Das Kuratorium verliert mit Frau Dr. H. Kranig eine tüchtige Mitstreiterin im Kampf gegen die Tuberkulose. Wir werden sie als liebenswürdige, engagierte Ärztin in dankbarer Erinnerung behalten.
Dr. Gunther Loytved, Würzburg